
„Aber es gibt Dinge, die man tun muss, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck.“
aus Die Brüder Löwenherz (1973)Mutig Mensch sein
2027 ist es 120 Jahre her, dass Astrid Lindgren am 14. November 1907 auf dem Hof Näs, in der Nähe von Vimmerby, geboren wurde.
Auf die glückliche Kindheit auf dem Land folgten schwierige Jugendjahre und die Weltkriege. Kurz nach Kriegsende, 1945, gelang ihr mit Pippi Langstrumpf der Durchbruch. Damit begann eine außergewöhnliche Karriere, die sie zu einer weltweit gefeierten Schriftstellerinnen machte.
Ihre Bücher und ihr Leben haben sowohl bei einzelnen Menschen als auch in der Welt insgesamt bleibende Spuren hinterlassen. Sie war eine mutige Stimme im gesellschaftlichen Diskurs und setzte sich entschlossen für Gewaltlosigkeit, die Rechte von Kindern, das Wohl der Tiere und die Würde des Menschen ein.
Als Astrid Lindgren im Alter von 94 Jahren starb, hinterließ sie eine Welt im Wandel – eine Welt, die mehr denn je den universellen Humanismus braucht, für den sie einstand. Sie kämpfte für ihre Überzeugungen und dafür, die Welt ein kleines Stück besser zu machen. Nicht, weil es bequem oder opportun war. Sondern weil es richtig war. Weil sie den Mut hatte, das zu sein, was ihrer Meinung nach – ebenso wie Jonatan in „Die Brüder Löwenherz“ – einen Menschen ausmacht.

Wer war Astrid Lindgren?
Viele Menschen, insbesondere außerhalb Schwedens, kennen Astrid Lindgren vor allem als die Schöpferin von Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und vielen weiteren weltbekannten Geschichten. 2027 möchte The Astrid Lindgren Company den Menschen und die Meinungsbildnerin Astrid Lindgren ins Zentrum rücken. Die Kampagne „Mutig Mensch sein“ macht dieses Anliegen auf vielfältige Weise sichtbar: durch Kooperationen in unterschiedlichen Bereichen und durch Materialien über Astrid Lindgren, die Bibliotheken, Schulen und Kindergärten zur Verfügung gestellt werden. Dazu gehört auch eine Ausstellung, die kostenlos heruntergeladen werden kann.
Außerdem erscheint eine ganz neue Anthologie mit Texten von Astrid Lindgren. Briefe, Reden, Essays, Tagebucheinträge, Interviews und literarische Fragmente, viele davon bislang kaum oder gar nicht öffentlich zugänglich, verweben sich zu einem facettenreichen Porträt ihrer Lebensauffassung: ehrlich, mutig, humorvoll und zutiefst menschlich.

Mehr als eine Kinderbuchautorin
Karin Nyman, Astrid Lindgrens Tochter, beschreibt ihre Mutter als einen Menschen, der das Leben zu leben wusste, frei von Konventionen.
Die junge Astrid war die Erste in Vimmerby, die sich die Haare kurz schneiden ließ, und wurde mit gerade einmal achtzehn Jahren alleinerziehende Mutter – in einer Zeit, in der ein solcher Lebensweg noch weit außerhalb der gesellschaftlichen Norm lag. Die schwierige Zeit, in der sie um die Fürsorge für ihren Sohn kämpfte, prägte ihr Leben ebenso nachhaltig wie ihr späteres Werk.
Sie kümmerte sich liebevoll um die Menschen, die ihr wichtig waren, durch ihren unermüdlichen Briefwechsel mit Familie und Freunden und später durch die täglichen Telefonate mit ihren Schwestern, bei denen der bekannte Ausdruck „Der Tod, der Tod, der Tod“ entstand.
Doch sie öffnete sich auch für Menschen, die eigentlich nicht zu ihrem persönlichen Umfeld gehörten. Ein anschauliches Beispiel dafür ist Sara Schwardt, ein einsames Mädchen aus der schwedischen Provinz Värmland, das in den 1970er-Jahren Kontakt zu Astrid Lindgren aufnahm und begann, ihr Briefe zu schreiben. Sara hatte es zu Hause schwer und sehnte sich nach einem Erwachsenen, dem sie vertrauen konnte. Astrid entschied sich, ihr zu antworten.
Astrid Lindgren beteiligte sich häufig an gesellschaftlichen Debatten über Gewalt, Gerechtigkeit und das Menschenbild. Sie scheute sich nicht, sowohl die politische Rechte als auch die Linke zu kritisieren, wenn Menschen schlecht behandelt wurden. Sie war der Überzeugung, dass eine gute Gesellschaft von Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein und Zivilcourage getragen sein muss.
Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hielt sie ihre berühmte Rede „Niemals Gewalt!“. Darin sprach sie sich gegen körperliche Züchtigung von Kindern aus und setzte sich für eine Erziehung ein, die auf Respekt und Liebe beruht, entgegen dem damals vorherrschenden autoritären Erziehungsstil.
Mit der berühmten Geschichte „Pomperipossa in Monismanien“ stellte sie nicht nur die schwedische Steuerpolitik infrage, sondern auch die sozialdemokratische Bewegung, der sie sich selbst zugehörig fühlte. Die Geschichte entfachte eine Debatte über Steuern und Gerechtigkeit, die den Ausgang der Wahl von 1976 maßgeblich beeinflusst haben soll.
In den 1980er-Jahren engagierte sie sich außerdem für den Tierschutz und trug damit zur Verabschiedung des schwedischen Tierschutzgesetzes bei, das auch als „Lex Lindgren“ bezeichnet wird.
Astrid Lindgren hat immer wieder bewiesen, wie eine einzelne Stimme dazu beitragen kann, eine ganze Gesellschaft zu verändern.
„Wir alle wollen ja den Frieden. Gibt es denn da keine Möglichkeit, uns zu ändern, ehe es zu spät ist? Könnten wir nicht viel-leicht lernen, auf Gewalt zu verzichten? Könnten wir nicht versuchen, eine ganz neue Art Mensch zu werden? Wie aber sollte das geschehen und wo sollte man anfangen? Ich glaube, wir müssen von Grund auf beginnen. Bei den Kindern.“
Aus Astrid Lindgren 1978 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wurde, formulierte sie ihre Dankesrede zu einer starken Aufforderung: „Niemals Gewalt!“.:format(webp)/)
Astrid Lindgren, die Meinungsbildnerin
Als öffentliche Meinungsbildnerin war Astrid Lindgren unschlagbar, aber es gibt auch unterschiedliche Beispiele dafür, wie sie im Stillen unterstützte und Einzelnen in einer ungerechten Welt zu ihrem Recht verhalf.
:format(webp)/)
Das Erbe von Astrid Lindgren
Obschon seit dem Tod Astrid Lindgrens inzwischen bereits viele Jahre vergangen sind, lebt sie in hohem Maße weiterhin mitten unter uns. Wir lesen ihre Bücher, schauen uns ihre Filme an, singen ihre Lieder. Viele Zitate aus ihren Büchern haben sich in unseren Wortschatz geschlichen und ihre Werte prägen unsere Auffassungen von Recht und Unrecht, Gut und Böse. Der Einfluss, den sie auf unsere Gesellschaft hatte, ist nicht zu unterschätzen.
:format(webp)/)
Unsere Mutter Astrid
„Die Liebe unserer Mutter zu ihrer Familie, ihren Eltern und Geschwistern, zu ihrem Mann, den Kindern und Enkeln war unveränderlich stark. Sie sagte, dass ihr die Mischung aus Freiheit und Geborgenheit, die sie in ihrem Elternhaus erlebt hat, Stärke für ein ganzes Leben gegeben habe", schreibt Karin Nyman.