Jugend

Ganz im Gegensatz zu Astrid Lindgrens glücklicher Kindheit war ihre Jugend eine düstere Zeit. „Das Teenageralter war ein Stillstand, tonlos und leblos, ich war oft melancholisch. Und ich fand mich, wie so viele, so hässlich, und ich war auch nie verliebt. Alle anderen waren ständig verliebt ...“

Astrid Lindgren hat berichtet, dass sie sich so genau daran erinnert, dass die Kindheit vorbei war, und wie schrecklich es war, einzusehen, dass sie nicht mehr spielen konnte: „Ich erinnere mich noch ganz genau. Wir haben immer mit der Enkeltochter des Priesters gespielt, wenn sie in den Ferien nach Näs kam. Aber eines Sommertages, als sie kam und wir wie üblich anfangen sollten zu spielen, fiel uns plötzlich auf, dass wir nicht mehr spielen konnten. Es ging einfach nicht. Es fühlte sich albern und traurig an. Was sollten wir denn bloß machen, wenn wir nicht spielen konnten?“

Als Sechszehnjährige, nach ihrem Examen, wurde Astrid Lindgren von der Zeitung Vimmerby Tidning angestellt. Sie korrigierte und schrieb kleine Notizen und kurze Reportagen. Der Chefredakteur der Zeitung war Reinhold Blomberg und ihm war Astrid Lindgrens Begabung bereits früher aufgefallen. Aber Reihnholds Entzücken ging weit über Astrids Schreibtalent hinaus. Im Frühling 1926 wurde Astrid Lindgren klar, dass sie schwanger war. 

Als neuzehnjährige, unverheiratete Frau schwanger zu sein, war ein Riesenskandal, der eine Schande bedeutete, nicht nur für Astrid selbst, sondern für ihre ganze Familie. Reinhold Blomberg war außerdem in eine aufreibende Scheidung verwickelt und bereits Vater von sieben Kindern. Es gab keine andere Alternative für die junge Astrid Lindgren, als Vimmerby zu verlassen und nach Stockholm zu gehen.

„Noch nie gab es so viel Klatsch und Tratsch über so etwas Unbedeutendes, zumindest nicht in Vimmerby. Gegenstand dieses Tratsches zu sein, fühlte sich ungefähr so an, wie in einer Schlangenhöhle zu liegen, und ich fasste den Entschluss, diese Schlangenhöhle so schnell wie möglich zu verlassen.“

Lasse

Astrid Lindgrens Sohn Lars, oder Lasse, wurde am 4. Dezember 1926 geboren. Astrid Lindgren verbrachte die ersten Wochen mit ihm zusammen, bevor sie wie üblich nach Hause zu ihrer Familie in Näs fuhr, um Weihnachten zu feiern - alles, um dem Tratsch in Vimmerby nicht noch mehr Zündstoff zu geben. Anschließend ist sie nach Stockholm zurückgekehrt, um ihre Sekretärinnenausbildung am Bar-Lock-Institutet wieder aufzunehmen. Erfahren Sie mehr über Lasse

Das Bar-Lock-Institut

Das Bar-Lock-Institut war eine Privatschule in Stockholm, die nach einer amerikanischen Schreibmaschine benannt war.  Die Kurse umfassten 10-Finger-Schreiben und Stenografie, jedoch auch Buchhaltung, Rechnungsführung und Geschäftskorrespondenz in unterschiedlichen Sprachen. Die Schülerinnen waren junge Frauen, die meistens aus anderen Teilen des Landes kamen. Während dieser Ausbildung wohnte Astrid Lindgren in einer Pension in der Artillerigatan in Stockholm, in der noch andere junge Studentinnen wohnten, die abends und an den Wochenenden viel miteinander unternahmen.

Ihre erste Anstellung als Sekretärin bekam Astrid Lindgren 1927 in der Radioabteilung der Svenska Bokhandelscentralen, wo sie Beschwerden von Kunden beantwortete, die nicht richtig begriffen, wie sie ihre neuen Radiogeräte zum Laufen bringen sollten. Das Radio war das neue „heiße“ Technik-Gadget bei den Schweden und jeder, der etwas auf sich hielt, wollte ein eigenes haben.

Sie lebte ärmlich und hielt sich mit den Essenskörben am Leben, die ihr die Familie aus Näs schickte. 

„Es war ein exklusiver Genuss, sich eine anständige Scheibe Brot abzuschneiden und erst mit der echten Butter aus Vimmerby und dann einer Scheibe von Mamas Käse zu belegen, um sie schließlich verspeisen. Dieser Genuss wurde jeden Morgen wiederholt, solange noch etwas in dem Korb übrig war.“

1928 bekam Astrid Lindgren eine Arbeit beim Kungliga Automobil Klubben (K.A.K), wo Sture Lindgren ihr Chef war. Sie fuhr alle drei Monate nach Kopenhagen und schrieb viele Briefe an Marie Stevens und Lasse. In den Antworten erfuhr sie, wie Lasse wuchs und sich entwickelte. Jetzt brach Astrid auch definitiv mit Reinhold Blomberg. Sie kann sich nicht vorstellen, mit ihm in Vimmerby zu leben und eine Mutter für seine sieben Kinder zu werden - von denen einige genauso alt waren, wie sie selbst. 

Im Dezember 1929 kam Marie Stevens wegen Herzbeschwerden ins Krankenhaus. Astrid reiste hinunter nach Kopenhagen, um Lasse nach Hause zu holen. Er war damals drei Jahre, sprach Dänisch und betrachtete die Familie Stevens als seine Familie. Als er begriff, dass er nicht mehr dorthin zurückkehren würde, war er verzweifelt, „da legte er sich vornüber gebeugt auf einen Stuhl und weinte leise. Ganz leise, als ob er einsah, dass es doch keinen Sinn hatte, die machen mit mir sowieso, was sie wollen! Dieses Weinen weint immer noch in mir und das wird es wohl bis ans Ende meiner Tage tun. Vielleicht war es um dieses Weinen willens, dass ich in allen Zusammenhängen immer so stark die Partei der Kinder ergriffen habe ...“

Einige ausgewählte Jahreszahlen aus Astrid Lindgrens Leben

1923

Astrid macht ihren Realschulabschluss mit den besten Noten in Schwedisch. Astrid wird konfirmiert.

1924

Volontariat bei der ”Wimmerby Tidning”.

1926

Astrid wird schwanger, will den Vater des Kindes aber nicht heiraten. Sie zieht nach Stockholm und lässt sich zur Sekretärin ausbilden. Im Dezember kommt ihr Sohn Lars in Kopenhagen zur Welt. Die ersten Lebensjahre verbringt er bei einer dänischen Pflegefamilie. Astrid kommt ihn so oft wie möglich besuchen.