Astrid Lindgrens Dankesrede in Wien am 4. Juni 1993 für den Unesco Book Award

Liebe Freunde,

ich bin sehr glücklich und auch sehr stolz auf die große Anerkennung die ich bekommen habe, glücklich nicht nur meinetwegen, auch für die ganze Kinderliteratur die mit so etwas nicht verwöhnt ist.

Eigentlich müsste ich jetzt nun hier in Wien eine lange schöne Rede halten um meine Dankbarkeit zu zeigen aber, verstehen Sie, in einer fremden Sprache ist es nicht einfach: ich kann nur kurz und gut sagen was ich fühle.

Viele Menschen fragen mich: wie schreibt man ein gutes Kinderbuch? Was soll darin stecken? Wie soll es sein? Und ich antworte immer: es soll gutsein. Und ob es gut ist, das merkt man wenn man es lest.

Es gibt keine andere Rezepte.

Nur wenn es sich um Kinderbücher handelt kommt man auf die idee ein Rezept zu verlangen. Warum fragt niemand: wie schreibt man einem Roman? Oder: wie schreibt man ein Gedicht?

lch schreibe meine Bücher nur als Vergnügen für mich persönlich. lch denke überhaupt nicht an die Kinder, die es lesen sollen. lch versuche nicht die Kinder durch meine Bücher zu erziehen. lch kann nur hoffen, dass sie vielleicht ein bisschen Menschenliebe und Demokratie darin finden.

Viele Kinder schreiben an mich and auch viele Erwachsene die mir sagen, dass meine Bücher etwas für sie bedeutet haben. lch erinnere mich wie ich einmal in einem Zimmer mit vielen Menschen von einer Frau ein Zettel bekam. Sie hatten da notiert was sie zum Mittagsessen einkaufen sollte. Aber darunter hatte sie geschrieben:

„Dank dafür dass Sie eine düstere Kindheit vergoldet haben“

Habe ich auch nur eine einzige düstere Kindheit vergoldet können, dann bin ich zufrieden. Und jetzt sage ich: "Dank dafür dass Sie diesen Tag für mich vergoldet haben."