Das Lesen

Auf Näs lebte eine Häuslerfamilie, der Kuhknecht Sven mit seiner Frau Kristin und der Tochter Edit. Astrid und Gunnar liebten es, mit Edit zu spielen, die nur wenig älter war als sie. In ihrer kleinen Kammer auf dem Dachboden gab es so viele spannende Dinge zu entdecken. Puppen, Papierbildchen, Schachteln mit Perlen und ein paar Märchenbücher. Astrid und Gunnar schlichen manchmal die Treppe hoch in Edits Zimmer, auch wenn sie nicht daheim war. Aber ihre strenge Mutter Kristin erwischte sie jedes Mal und hinderte sie daran. Astrid und Gunnar waren überzeugt davon, dass Kristin Hexenohren hatte, weil sie alles hörte. Aber ab und zu war Kristin auch freundlich und lud sie zu Pfannkuchen ein – und sie backte die besten Pfannkuchen der Welt.

Die Ur-Küche, in der alles begann

In Kristins ärmlicher Küche gab es nichts außer einer Holzbank, einem Tisch, ein paar Stühlen und einem eisernen Herd. In ebendieser Küche las Edit das erste Märchen vor, das die damals vierjährige Astrid jemals gehört hatte, an einem Tag, als der Regen gegen die Fensterscheiben trommelte. Als Edit von dem Riesen Bam-Bam und der Fee Viribunda vorlas, verwandelte sich die Küche in einen magischen Ort.

Dazu sagt Astrid selber: ”Und da saßen wir auf dem Boden, mein Bruder und ich, und hörten das wunderbare Märchen vom ’Riesen Bam-Bam und der Fee Viribunda’. Dass wir nicht auf der Stelle tot umgefallen sind! In diesem Augenblick erwachte der Lesehunger in mir, und mit der geballten Ungeduld einer Vierjährigen starrte ich auf die seltsamen, schwarzen Schnörkel, die Edit zu deuten wusste, ich aber nicht, und durch die wie durch einen eigentümlichen Zauber die ganze Küche plötzlich voller Feen und Riesen und Trollpack war.”

Diese Küche blieb für alle Zeit etwas Besonderes. Und fast alle Küchen, die in Astrids Büchern beschrieben werden, sind genau wie Kristins Küche.

Alle Sinne aktiviert

Die Geschwister auf Näs lasen alles, was sie in die Finger bekamen. Bücher und Lesen waren eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für ihre Spiele. Manchmal sangen sie die Geschichten. Einmal, als Astrid ihre kleine Schwester Ingegerd zum Schlafen bringen sollte, sang sie einfach direkt aus dem Buch, das sie gerade las.

Astrid beschreibt, wie sie das Lesen als Kind erlebte: ”Das nahm das ganze Wesen in Anspruch, Augen, Ohren und alle Sinne, intensiver als irgendein anderes Phänomen in der eigenen Kinderwelt.” Ein neues Buch war etwas ”nahezu schmerzlich Wunderbares”.

Zu Weihnachten bekamen die Kinder neue Bücher, ansonsten liehen sie sich welche von Freunden oder aus der Schulbibliothek. Astrid hatte einen unstillbaren Lesehunger, der sie alles, was sie in die Finger bekam, mit der gleichen Begeisterung und großem Gewinn lesen ließ – von Anne auf Green Gables und Tom Sawyer über Der Mann mit den eisernen Fäusten und Der König der Haudegen.

Arm und hungrig – da waren Bücher die Rettung

In der Zeit während der Zwanziger Jahre, als Astrid jung, arm und ohne ihre große Familie in Stockholm lebte, war das Lesen ein lebensrettender Anker für sie. Sie erzählt: ”Meine Sonntage waren einsam und trist, sie konnte ich nur mithilfe von Büchern überstehen.”

Sie beschreibt ihre Begeisterung, als sie die Stadtbibliothek entdeckte: ”Ich vergesse nie, was für ein Gefühl es war, in diesen großen Rundbau zu kommen und ein Meer von Büchern vor mir zu sehen. Da brauchte ich mich bloß zu bedienen – wie ich glaubte. Lange wanderte ich dort genüsslich herum und sah mir die vielen Bände an.” Wie sich allerdings herausstellte, konnte sie sich nicht einfach bedienen, vorher musste noch ein Bibliotheksausweis ausgestellt werden, und das würde ein paar Tag dauern. Astrid beschreibt: ”Das war eine Enttäuschung, ein Knacks, den ich nicht verkraftete. Ich konnte mich nicht beherrschen, sondern brach zu meiner ewigen Schande in Tränen aus. [Der Bibliothekar] guckte mich erstaunt und leicht unangenehm berührt an, diese Literaturbegeisterung hielt er wohl für etwas übertrieben.”

Als sie das Buch Hunger von dem norwegischen Schriftsteller Knut Hamsun las, vermischte sich alles ”zu einem einzigen intensiven Gefühl: Das Buch machte mich glücklich und gleichzeitig fühlte ich mich mit dem jungen Hamsun und allen anderen, die in den Städten der Welt hungerten, verbunden.

Und wie habe ich gelacht! Dort auf meiner Bank musste ich mir das Buch vors Gesicht halten, damit die Leute, die vorbeigingen, nicht glaubten, ich sei verrückt, ja, als ich von J.A. Happolati las, dem Mann, der das elektronische Gesangbuch erfunden hatte, wimmerte ich vor Lachen. Vielleicht wäre Pippi Langstrumpf nie eine so enorme Lügnerin geworden, wenn Hamsun nicht einem halbblinden harmlosen alten Mann, der sich zufällig neben ihn auf eine Holzbank gesetzt hatte, so haarsträubende Lügengeschichten über den unglaublichen Happolati aufgetischt hätte.”

Tiefe und Breite und ein einzigartiges Gedächtnis

Viele Bücher, die Astrid als Kind las, gehörten auch noch im Erwachsenenalter zu ihren Favoriten, die sie ihren eigenen Kindern und Enkeln vorlas und sie so die Magie der Geschichten erleben ließ. Dazu gehören unter anderem Die Schatzinsel, Eine kleine Prinzessin, Daddy Langbein und die Mary Poppins-Bücher.

Später las sie alle möglichen Genres, Lyrik, Philosophie, historische Romane und Biographien. Von den schwedischen Dichtern schätzte sie besonders Nils Ferlin, Harry Martinson und Pär Lagerkvist. Aber auch Gustaf Fröding, Erik Axel Karlfeldt, Edith Södergran und Hjalmar Gullberg. Piet Hein und seine Gruks gehörten ebenfalls zu ihren Favoriten, so wie die deutschen Autoren Heinrich Heine und Goethe. Sie konnte unzählige Gedichte und sämtliche Strophen einer Reihe alter Volkslieder auswendig aufsagen.

Für die abendliche Lektüre fanden sich in greifbarer Nähe beispielsweise die Odyssee, Krieg und Frieden, Die göttliche Komödie sowie Bücher von Solschenitzin und Falstaff Fakir. Norwegische, dänische, englische und deutsche Bücher las sie als Erwachsene in der Originalsprache.

Sowohl die Wohnung in der Dalagatan wie auch das Sommerhaus in Furusund stehen voller Buchregale. Beide Buchsammlungen umfassen zusammen über 4.200 Titel.

Sara, die kleine Prinzessin, LieblingskinderbuchDaddy Langbein, LieblingskinderbuchMarry Poppins, LieblingskinderbuchSilvervit, die Zeitung, in der u.a. Anna Maria Roos’ Geschichte vom Riesen Bam-Bam und der Fee Viribunda abgedruckt wurde