Kindheit
”Fragt mich aber jemand nach meinen Kindheitserinnerungen, dann gilt mein erster Gedanke trotz allem nicht den Menschen, sondern der Natur. Sie umschloss all meine Tage und erfüllte sie so intensiv, dass man es als Erwachsener gar nicht mehr fassen kann. Der Steinhaufen, wo die Walderdbeeren wuchsen, die Leberblümchenstellen, die Schlüsselblumenwiesen, die Blaubeerplätze, der Wald mit den rosa Erdglöckchen im Moos, das Gehölz rings um Näs, wo wir jeden Pfad und jeden Stein kannten, der Fluss mit den Seerosen, die Gräben, die Bäche und Bäume, an all das erinnere ich mich besser als an die Menschen.”
Die Natur war nicht nur ein Platz zum Spielen, sie war auch der Nährboden, auf dem der Fantasie neue Spiele erwuchsen. Auf die gleiche Weise erfuhren die Lieder und Gebete, die die Kinder lernten, in den Spielen eine Fortsetzung und nahmen konkrete Gestalt an.
Die magischen und fantastischen Spiele
”Wie wir spielten, meine Geschwister und ich! Von morgens bis abends. Unermüdlich, voll Eifer und Begeisterung, manchmal unter Lebensgefahr, aber das merkten wir gar nicht. Wir kletterten auf die höchsten Bäume, sprangen zwischen den Bretterstapeln im Sägewerk umher. Wir balancierten auf dem Dachfirst unseres Hauses — was ziemlich hoch war, und wären wir runtergepurzelt, wäre es mit dem Spielen vorbei gewesen, fürchte ich.”
Eins der Spiele hieß ”nicht-den-Boden-berühren”. Da kletterten die Geschwister und andere Kinder vom Hof überall im Schlafzimmer herum, ohne jemals den Boden zu berühren, so wie Astrid es später Pippi, Tommy och Annika in der Villa Kunterbunt machen ließ. “Von der Arbeitszimmertür hangelte man sich zur Küchentür, sprang auf die Spiegelkommode, von der Spiegelkommode auf den Schreibtisch, auf Papas Bett, zu einem mit Stoff bezogenen Sitzkissen, mit dem man bis zur Tür zum Wohnzimmer rutschte, zum Kamin, und wieder zur Arbeitszimmertür.”
Ein anderes Spiel nannten Astrid und Gunnar “sicken blås”. Dazu rannten sie von unterschiedlichen Punkten der Wohnung durch alle Räume, trafen sich in der Küche, pieksten sich gegenseitig mit dem Finger in den Bauch und riefen “Kickse-kickse-hu”. Dieses Spiel taucht in den Büchern über Michel und Ida wieder auf.
Die Spiele verschwanden und die Kindheit ging zu Ende
Auf Näs gab es eine alte Ulme, die Astrid und ihre Geschwister den ”Eulenbaum” nannten. Der Baum war innen hohl und die Kinder liebten es, darin zu spielen. Einmal kletterte Gunnar mit einem Hühnerei auf den Baum. Er legte das Ei in ein Eulennest. Nach 21 Tagen fand er ein frisch geschlüpftes Küken in dem Nest, für das seine Mutter ihm 75 Öre bezahlte. Diese Episode lässt Astrid in Wir Kinder aus Bullerbü wieder lebendig werden, indem sie Bosse das Gleiche wie Gunnar widerfahren lässt.
Anfang des 20. Jahrhunderts Kind auf einem Bauernhof zu sein, bedeutete auch harte Arbeit. Rüben verziehen, Brennnesseln für die Hühner rupfen und bei der Ernte helfen. An den notwendigen Arbeiten auf dem Hof beteiligten sich alle, die Kinder der Knechte und Mägde ebenso wie die des Pachtbauern. “Gewiss wurden wir in Zucht und Gottesfurcht erzogen, so wie es dazumal Sitte war, aber in unseren Spielen waren wir herrlich frei und und nie überwacht. Und wir spielten und spielten und spielten, so dass es das reine Wunder ist, dass wir uns nicht totgespielt haben.”
Astrid erzählte, wie deutlich sie sich im Nachhinein an das Ende der Kindheit erinnerte und wie entsetzlich die Erkenntnis war, nicht mehr spielen zu können: ”Daran kann ich mich ganz deutlich erinnern. Immer, wenn die Enkelin des Pfarrers in den Sommerferien nach Näs kam, spielten wir mit ihr. Aber als sie eines schönen Tages ankam und wir wie immer anfangen wollten zu spielen, stellten wir plötzlich fest, dass wir nicht mehr spielen konnten. Es ging einfach nicht. Wir kamen uns albern vor und waren gleichzeitig auch traurig, denn was sollten wir jetzt tun, nachdem wir nicht mehr spielen konnten?”
