Die Freunde

Astrids Fürsorge, Neugier und aufrichtiges Interesse für ihre Freunde bescherte ihr viele, lebenslange Freundschaften. Sie war zuverlässig und pflegte ihre Kontakte. ”Jeder Mensch ist etwas Besonderes. Ich treffe Menschen auf der Straße und interessiere mich für jeden Einzelnen. Alle sind fantastisch!”

Auch wer ihr vielleicht nur einmal begegnet ist, fühlte sich auserwählt, wie ein bedeutender Teil ihres Lebens. Journalisten erzählten nach Treffen mit Astrid, sie hätten mehr Fragen zu sich selbst beantwortet, als sie ihr, die sie interviewen sollten, gestellt hätten. Viele Menschen, die Astrid nie persönlich kennen gelernt haben, standen im Briefwechsel mit ihr. Sie dürfte eine der besten privaten Briefmarkenkunden der Post gewesen sein. In der Königlichen Bibliothek in Stockholm sind alle Briefe Astrids aufbewahrt und archiviert.

Anne-Marie Fries

Astrids beste Freundin hieß Anne-Marie, genannt Madicken – diesen Namen gab Astrid später einer ihrer Protagonistinnen. Anne-Marie wohnte nicht weit von Näs entfernt in einer Villa auf dem Weg nach Vimmerby. Astrid und sie lernten sich als Siebenjährige kennen, als Anne-Marie mit einem Fassreifen an Astrid vorbei rollte und Astrid wissen wollte, wohin sie unterwegs war. Sie begleitete Anne-Marie nach Hause und von da an waren sie ein Zweiergespann. Sie spielten, kletterten, streiften durch die Natur und bauten Höhlen in den Sägespänebergen im Viehstall. Sie wurden ”Blutsschwestern” und versprachen einander “niemals zu lügen, niemals Wort zu brechen, niemals zu betrügen”. Laut Astrid haben sie sich nur einmal gestritten, da waren sie neun, und das war schnell wieder vergessen.

Sie hielten heckten auch als Jugendliche noch eine Menge Unfug zusammen aus, obwohl sie zum Spielen eigentlich zu alt waren. Zu Anne-Maries 17. Geburtstag kamen Astrid und einige andere Freundinnen als Kavaliere verkleidet. Sich zu verlieben oder jemanden in sich verliebt zu machen war das Wichtigste für die Freundinnen. Astrid, die das nicht so einfach fand wie die meisten ihrer Freundinnen, sagte: “Von da an war ich völlig wild und verfolgte nur noch ein Interesse, so weit ich weiß, nämlich, zu erreichen, dass sich so viele wie möglich in mich verliebten. Ach, ach, ach, das war anstrengend, sag ich euch!”

Als ältere Teenager trafen sich die beien Freundinnen nicht mehr so häufig. Astrid lebte inzwischen in Stockholm und Anne-Marie in Linköping und später in Uppsala. Aber sie hielten den Kontakt durch eifrigen Briefwechsel aufrecht. Später zogen Anne-Marie und ihr Mann Stellan ebenfalls nach Stockholm. Astrid und Anne-Marie waren inzwischen beide junge Mütter und gingen oft mit ihren Kinderwagen zusammen im Vasapark spazieren.

Während des Krieges hatte Astrid eine Stelle in der Abteilung für Briefzensur beim schwedischen Nachrichtendienst und sorgte dafür, dass Anne-Marie ebenfalls eingestellt wurde. Nach dem Krieg debutierte Astrid als Autorin und Anne-Marie bekam eine Stelle als Kinderbuchlektorin bei dem Verlag, der auch Astrids Bücher veröffentlichte und in dem sie selber als Kinderbuchlektorin arbeitete.

1987 hielten sie beim achtzigsten Geburtstag der jeweils anderen eine Rede, obgleich sie da schon ziemlich müde alte Damen waren. Anne-Marie lag die letzten zwei Lebensjahre im Krankenhaus, wo Astrid sie regelmäßig jede Woche bis zu ihrem Tod 1991 besuchte. Ihr gemeinsamer Sinn für Humor und ihr Interesse für Kinder, die Natur und fürs Spielen führte sie zusammen, und als Freundinnen und Vertraute waren sie einander ein ganzes Leben lang eng verbunden.

Elsa

Elsa Olenius saß in der Jury bei Rabén & Sjögren, die Astrid Lindgren den zweiten Preis für das Buch Britt-Mari erleichtert ihr Herz verlieh. Und es war auch Elsa, die 1946 dem Verleger Hans Rabén ans Herz legte, er solle doch Astrid einstellen: ”Stellt sie ein, sie kann ja sogar Stenografie und Schreibmaschine und solche Sachen!” Aus ihrer ersten Begegnung entstand eine Freundschaft fürs Leben. Astrid lernte nach und nach die gesamte Familie Olenius kennen und wurde Patentante von einem Enkel Elsas. In fortgeschrittenem Alter gingen Astrid und Elsa gern auf Friedhöfen spazieren. Sie alberten herum, sahen sich die Grabsteine an und suchten sich Plätze aus, an denen sie gerne liegen würden. Und dann stellten sie sich amüsiert vor, wie sie nachts dort herumrennen und sich was vorspuken wollten.

Marianne

Marianne Eriksson stieß 1952 zu Rabén & Sjögren und wurde sieben Jahre später Astrids Assistentin, die zu der Zeit für das Kinderbuchprogramm verantwortlich war. Marianne hat fast 20 Jahre lang eng mit Astrid zusammengearbeitet und wurde eine sehr gute Freundin. Marianne beschreibt, wie speziell die Zusammenarbeit mit Astrid Lindgren war:

”Als Chefin und Kollegin war sie unfassbar tüchtig und unfassbar liebenswert, ungeheuer geduldig und einfühlsam. Und wir bewunderten sie, weil sie so schön und elegant war, so schlagfertig und belesen und intelligent, und weil sie sich trotz der vielen Arbeit zwischendurch die Zeit nahm, mit uns die Kaffeestunden zu verbringen und über Autoren zu tratschen.

Wir liebten sie, weil sie uns vergessen ließ, was für eine große und berühmte Autorin sie war, die man alle Viertelstunde einmal ordentlich loben musste.”

Als Astrid 1970 ihre Arbeit im Verlag beendete, wurde Marianne ihre Nachfolgerin als Programmverantwortliche für die Kinderbuchabteilung.

Kerstin

Kerstin Kvint trat als 15-Jährige eine Stelle als ”Kontoristin” in Rabén & Sjögrens Herstellungs- und Vertriebsabteilung an. Später wurde sie Hans Rabéns Sekretärin und war in dieser Zeit ebenfalls für die Auslandslizenzen des Verlages verantwortlich. Ab 1982 arbeitete sie einen Tag pro Woche als Astrids persönliche Sekretärin, um ihr bei der umfangreichen Korrespondenz behilflich zu sein.

Der Arbeitsaufwand, alle Briefe zu lesen und zu beantworten, die Astrid bekam – offizielle wie private – war unmöglich für einen Menschen allein zu bewältigen. Was begreiflich wird, wenn man Kerstins Beschreibung ihrer Arbeit liest: ”Jeden Tag kam ich aus der Dalagatan, voll bepackt mit Briefen von Kindern und Bewunderern – und einem Stenogrammblock mit ca. 25 neuen Stenogrammen, in rasantem Tempo von Astrid in allen denkbaren Sprachen diktiert – von Småländisch über Englisch bis Deutsch. Mal war ein Vorwort für eins ihrer Bücher darunter, diverse Äußerungen, Entwürfe für Reden und Diskussionsbeiträge; sie engagierte sich zunehmend an öffentlichen Debatten”.

Nach Astrids 80. Geburtstag wurde die Menge der Briefe so groß, dass Kerstin zwei Tage veranschlagen musste, um Astrid zu helfen. Um neun Uhr begannen sie ihren gemeinsamen Arbeitstag mit Kaffe und Gebäck und Gesprächen. Kerstin war eine von Astrids allerengsten Vertrauten.

Margareta

Margareta Strömstedt trat in den 60er Jahren in Astrids Leben, als sie den Auftrag von Rabén & Sjögren erhielt, eine Biographie über Astrid Lindgren zu schreiben. Die gemeinsame Arbeit an der Biographie war der Beginn einer sehr engen Freundschaft. Margareta ist diejenige, die die meisten Interviews mit Astrid geführt hat, viele davon fürs Fernsehen, und beschreibt ihre Gespräche so: ”Während vierzig Jahren haben wir uns unterhalten; in der Sonne auf der Treppe des roten Hauses in Näs; auf der Küchenbank in der alten Bauernküche. Auf der Veranda in Furusund und auf dem Wohnzimmersofa in der Dalagatan.”

Die Freundschaft zwischen Margareta und Astrid bezog bald die ganze Familie Strömstedt mit ein, und Astrid war häufig Gast in der Familie. Sie lernte nicht nur Margaretas Mann Bo Strömstedt kennen, sondern freundete sich auch mit Margaretas Schwester Lisa Henriksson an. Die drei Frauen trafen sich oft zum Singen. Astrid war ein selbstverständlicher Gast bei den Geburtstagsessen der Familie Strömstedt und die Kinder kannten sie so gut, dass es mehrere Jahre dauerte, bis sie verstanden, dass ”Tante Astrid” und diese berühmte Schriftstellerin ein und dieselbe Person war. Das Geburtstagslied ”Vad är det här för bus?”, das in dem Film von Lotta in der Krachmacherstraße gesungen wird, stammt aus Margaretas Feder und wurde bei ihnen zu Hause gesungen.

All die anderen

Von denen, die Astrid kennen lernten, gewannen viele eine Freundin fürs Leben. Die Verbindung der vier Geschwister Ericsson war zeitlebens eng und innig. Und als Gullan, Astrids Schwägerin und mit Gunnar verheiratet, in die Familie kam, wurde sie schnell ein selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft.

Gerda Nordlund, von der Familie Nolle genannt, kam Anfang der 50er Jahre als Haushälterin zur Familie Lindgren. Sie war eine Köchin ersten Ranges und kümmerte sich um fast alles im Haushalt. In den fast zwanzig Jahren, die sie für Astrid tätig war, ergaben sich viele Gelegenheiten für Gespräche. Anders Öhman traf Astrid zum ersten Mal 1963, als sie in der Literarischen Gesellschaft der Neun aufgenommen wurde. In seiner Eigenschaft als Jurist stand er ihr später bei verschiedenen Geschäften und Verträgen als Berater zur Seite. Olle Hellbom, der fast bei all ihren Filmen Regie führte, war fünfundzwanzig Jahre lang ein sehr geschätzter Freund und Kollege. Astrid und Tage Danielsson, der bei Ronja Räubertochter Regie führte, fanden sich beim ersten Treffen. Leider kam es nicht mehr zu weiteren gemeinsamen Projekten. Tage Danielssons Tod traf Astrid schwer.

Astrid hatte eine besondere Begabung für Freundschaften, wodurch auch in beruflichen Zusammenhängen oft starke Bande entstanden, mit Verlegern, Illustratoren und anderen Kollegen aus der Branche. Im Laufe der Jahre kamen da eine Menge Freunde zusammen, die sich hier nicht alle aufzählen lassen.

Margareta Strömstedt und Astrid Lindgren, © Bertil AlvtegenAstrid Lindgren und Marianne Eriksson vorm Verlagshaus Rabén & Sjögren in der Tegnérgatan in Stockholm. Privates FotoElsa Olenius und Astrid Lindgren bei einer Reise in Griechenland, 1967, aus Astrids SammlungAnne-Marie "Madicken" Fries, geb. Ingeström, poträtiert von ihrem Vater Erik IngeströmAnne-Marie Fries, privates FotoKerstin Kvint, Marianne Eriksson und Astrid Lindgren. © Anna-Riwkin Brick/Moderna MuseetAstrid Lindgren mit ihrer engen Freundin und Haushälterin Nolle. Aus Astrids Sammlung