Der Mensch Astrid Lindgren

Astrid Lindgrens Kindheit auf dem Hof Näs in Vimmerby, Småland, direkt nach der Jahrhundertwende, ist eine glückliche Zeit, mit der Liebe der Eltern als ständigem Hort. Astrid und ihre drei Geschwister nutzen eifrig den fantastischen Spielplatz, den Näs ihnen bietet. Aber die Tage bestehen nicht nur aus Spiel, in der Landwirtschaft wird jede Arbeitskraft gebraucht, und die Geschwister Ericsson teilen die Plackerei mit dem Gesinde. In der Küche der Tochter des Stallknechtes, Edit, hört Astrid das Märchen, das ihren Lesehunger weckt – einen Hunger auf Bücher, der ihr ganzes Leben hindurch anhält.

In der Schule ist Astrid eine tüchtige Schreiberin und wird Vimmerbys Selma Lagerlöf genannt, nachdem ein Aufsatz von ihr in der Vimmerby Tidning veröffentlicht wurde – wo sie später auch als Volontärin arbeitet. Nach zwei Jahren gibt sie ihre Stelle bei der Zeitung auf. Astrid ist achtzehn und schwanger, sie will ihr Leben nicht mit dem Kindsvater verbringen und nicht in Vimmerby bleiben.

Ein neues Leben beginnt

Astrid verlässt Vimmerby und beginnt ihr eigenes Leben in Stockholm, wo sie eine Ausbildung als Stenographin und Maschinenschreiberin macht. Diese Fähigkeiten werden ihr in ihrem späteren Leben sehr von Nutzen sein.

Durch ihre Anstellung als Sekretärin beim Königlichen Automobil-Klub lernt Astrid 1928 ihren späteren Ehemann, den Bürovorsteher Sture Lindgren kennen. Sture ist ein geselliger Mensch, humorvoll und freundlich, und ungibt sich gerne mit Freunden. Es kommt durchaus vor, dass Astrid mit ihm ausgeht, aber genauso gern bleibt sie mit einem guten Buch zu Hause. Die Liebe zur Literatur ist ein Interesse, dass die Eheleute teilen, wie auch den Humor.

Nach dem Krieg ist es wieder möglich, in Europa zu reisen, und Astrid begleitet Sture gerne auf seinen Geschäftsreisen. Manchmal im Auto mit den Kollegen Hedner (weder Sture noch Astrid hatten einen Führerschein!).

Die kleine Wohnung in der Vulcanusgatan wird bald zu eng für die Familie, die inzwischen aus Astrid und Sture und den beiden Kindern Lasse und Karin besteht. 1941 findet der Umzug in eine Wohnung in der Dalagatan statt, wo Astrid bis zum Ende ihres Lebens wohnt. Die Sommer verbringt die Familie in Furusund in Stockholms Schären, an dem Platz, den Astrid auf der Welt am meisten geliebt hat. Hierher stammt ihre Inspiration für die Geschichten auf Saltkrokan.

Doppelrolle – Verlagslektorin und Autorin

Als 1945 das erste Buch von Pippi Langstrumpf im Buchverlag Rabén & Sjögren erscheint, verändert sich Astrids Leben. Das Buch wird ein riesiger Erfolg, Kinder und Erwachsene auf der ganzen Welt lieben es.

Einige Zeit später tritt Astrid Lindgren eine Stelle als Kinderbuchlektorin bei Rabén & Sjögren an und ist bald für das Kinderbuchprogramm verantwortlich. Ihre eigenen Bücher schreibt sie in Steno, bis halb zwölf vormittags, auf dem Bett in der Dalagatan. Nachmittags ist sie die Kinderbuchlektorin Lindgren und trifft sich im Verlag mit Autoren und Illustratoren, korrigiert Manuskripte und entscheidet über die Veröffentlichungen mit. Sie arbeitet bis zu ihrer Pensionierung 1970 für Rabén & Sjögren.

Ostern 1950 wird Sture krank. Er stirbt 1952, gerade einmal 53 Jahre alt.

Eine Stimme in der öffentlichen Debatte

Nach einem Leben als ganz normale Hausfrau ist sie jetzt eine weltberühmte Autorin. Eine Auszeichnung, die sie immer öfter im Rampenlicht stehen lässt und ihr Privatleben einschränkt, was ihr gar nicht gefällt. Trotzdem setzt sie 1976 eine Debatte über die Steuerpolitik in Gang, die dazu führt, dass die sozialdemokratische Regierung nach vierzig Jahren Regierungszeit abgelöst wird. Das ist das erste Mal, dass Astrid sich energisch in die Politik einmischt – aber nicht das letzte Mal. Zwei Jahre später wird ihr der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen, und ihre Dankesrede bei der Preisverleihung ist der Startschuss für die internationale Debatte über Gewalt in der Kindererziehung. 1980 bezieht sie aktiv Stellung für die ablehnende Seite bei der schwedischen Volksabstimmung über Kernkraft und engagiert sich für eine Kampagne gegen Massentierhaltung, was später zu einem neuen Tierschutzgesetz führt.

Im Alter von einundneunzig Jahren erleidet Astrid Lindgren einen Hirnschlag, der ihre Beweglichkeit einschränkt und ihr öffentliche Auftritte erschwert. Im Januar 2002 stirbt Astrid Lindgren in ihrer Wohnung in der Dalagatan. Die Trauerfeier findet am 8. März statt, dem Welt-Frauentag. Stockholms Straßen sind voller Menschen, die den Sarg durch die Stadt zur Storkyrkan in der Altstadt begleiten.

© Stig A Nilsson, Scanpix